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„Das kannst du nicht, dazu bist du noch zu klein.“
„Wenn du so weitermachst, landest du noch bei der Müllabfuhr!!“
„Na, mein dickes Dummerchen, komm doch mal her…“

Sätze – so dahin gesagt von besorgten (oder ungeduldigen) Eltern, von hilflosen, wütenden Lehrern, von liebenden, aber leicht hämischen Vätern…

Alle nicht so gemeint, ist klar. Alle in bester Absicht geäußert, nur zum Wohle des Kindes.
Problem:
das Kind weiß das nicht.
Das Kind bemerkt nur, dass es in irgendeiner Weise etwas falsch gemacht hat, nicht genügt und irgendetwas an ihm oder seinem Körper „nicht richtig“ ist, kritikwürdig.
In den ersten rund 10 Lebensjahren kommt wohl kaum ein Kind, dem solche Aussagen entgegengeschleudert werden, auf die Idee zu sagen:
„Wie ist der denn drauf? Schlecht geschlafen? Krieg´ dich mal wieder ein! Selber fett!“
Oder auf die Idee, möglichst bald bei der Müllabfuhr anzufangen und jedesmal genau eine einzige Tonne NICHT zu leeren…

Nächstes Problem: Solche Sätze werden nicht zurückgenommen.
Sie werden auch nicht relativiert, nicht erklärt und Kinder werden selten um Entschuldigung gebeten.

Solche Sätze reichern sich im Kind an. Genau wie Schwermetalle und Pestizidrückstände vom Salat. Fressen sich in seinem Kopf fest. Rufen Gefühle des Versagens, der Minderwertigkeit, Kleinheit und der Angst hervor.
Solche Sätze werden nicht als Aussage, sondern als Gefühlserfahrung abgespeichert. Und zwar in den ältesten Gehirnteilen, da, wo es ums reine Überleben geht.

Da gibt´s übrigens keine Sprachzentren.

Wir sind im limbischen System, in der Amygdala. Hier werden potentiell gefährliche Situationen abgespeichert, und zwar inklusiv aller Geräusche, Gerüche, Empfindungen, visueller Eindrücke.
Sie vergleicht das laufende Geschehen mit den alten Daten und schlägt sofort Alarm, wenn etwas ähnlich Bedrohliches passiert.
Wie gesagt: Ähnliches. Es muss keine 100prozentige Übereinstimmung vorliegen.

Die Amygdala reagiert blitzschnell. Eine Kaskade von Stresshormonen wird ausgeschüttet, der Körper innerhalb von Nullkommanix vorbereitet auf Kampf oder Flucht.

Oder auf das Vermeidungsverhalten, welches dir früher schon einmal den Kopf gerettet hat. Totstellen, Abspalten, nicht spüren.

Sagte ich es schon?: Das limbische System hat kein Sprachzentrum.
Bis die Daten aus der Alarmanlage mal in der Großhirnrinde angekommen und in Sprache übersetzt sind, dauert´s.

Das ist der Grund, warum du in Stresssituationen das Gefühl hast, die Pferde (= Gefühle) gehen mit dir durch. Haben dich voll im Griff.
Stimmt. Das limbische System ist einfach schneller als du.

Das ist aber auch der Grund, warum du nicht ohne Angst deine Angst verlieren kannst.

Deine tief sitzende Redeangst vor Publikum – vielleicht resultierend aus einer Situation, in der du mal an der Tafel vom Lehrer bloßgestellt wurdest – wirst du tatsächlich nur los, indem du vor Leuten Vorträge hältst.
MIT deiner Angst!
Es bringt überhaupt nichts, abzuwarten, bis du dich besser fühlst.

Deine Angst, nicht gemocht zu werden, Ablehnung oder sogar Anfeindung zu erleben bekommst du nur minimiert, wenn du dich solchen unbequemen Situationen aussetzt und den ganzen Gefühls-Schlamassel einfach mal tapfer aushältst.
Warte nicht darauf, dass du dich „stabil genug“ fühlst.

Sportler und Musiker wissen: Wer können will muss üben.
Ja, tatsächlich kann das Leben Spuren von MÜSSEN enthalten:
Da musst du durch.
Der Unterschied zu früher: Heute bestimmst du, wann, wie lange, wie oft.

Zurück zu den Ansagen:

Das perfide an solchen Sätzen ist, dass sie lange, sehr lange wirken können.

Manchmal lebenslang.
Sie bremsen dich aus, versauen dir deine Zukunft. Ohne dass du es merkst.
Versenkt im Unterbewusstsein steuern sie dich fern.

Hier Fallbeispiele:

Mit Blick auf den ungeliebten Schwiegersohn in spe raunt der Vater kurz vorm Eintritt ins Trauzimmer seiner Tochter zu:
„Das wird nix. Das geht nicht gut.“
Drei Jahre später: Scheidung.
Okay, mag sein, dass neben diesem leicht schrägen väterlichem Segen auch andere Faktoren eine Rolle spielten. Aber – weiß man´s?

„Sei immer schön brav und artig!“ Warst du. Und? Hat´s was gebracht? Ich meine, außer Burnout, Ausgenutzt werden und Nicht-nein-sagen-können.

„Wer DAS nicht kapiert, ist zu blöd für aus´m Bus zu gucken!!“ Und? Hast du einfach mal frech aus dem Bus geguckt und festgestellt: Geht doch! Oder machst du dich heute noch klein? Musst du NOCH ein Buch lesen, noch einen Kurs, eine Fortbildung, ein Seminar besuchen, bevor du dich schlau genug fühlst? Noch eine Ausbildung absolvieren?

„Dazu bist du noch zu klein.“ Hat dir irgendjemand Bescheid gesagt, dass du nun groß genug bist?

Ich lade dich ein, in deinem Innersten nachzuforschen:

Sind bei dir auch irgendwelche Sätze steckengeblieben?

Welche sind es?