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Aus dem Stracke-Institut für angewandten Perspektivenwechsel

Ach nee, iiihhh, nicht solch ein Thema! Und das auch noch zum Jahresbeginn, den wir doch alle so wahnsinnig optimistisch, zielsetzend, lebenshungrig und tatendurstig hingelegt haben!

Und überhaupt – wo Sterben ist, ist der Tod nicht weit….das erstere führt unweigerlich zum zweiten….muss das jetzt sein?

Und sowieso – ist das nicht voll daneben, gefühlskalt, takt- und pietätlos, überhaupt eine solche Frage zu stellen? Ob Sterben schlimm sein muss?

Natürlich ist das schlimm, keine Frage!! Was denn sonst?! Und zwar für alle Beteiligten: den Betroffenen sowie (meistens) seine Angehörigen!
Sterben ist schlimm, macht Angst, stinkt, tut weh, ist die Hölle und sollte solange aus dem Leben ferngehalten werden, wie´s geht.
Menschen am offensichtlichen Lebensende und deren Angehörige müssen behutsam behandelt werden, von allen und allem abgeschottet, behütet, betüddelt und bemitleidet werden. Oder gemieden.

Hach, Sterben ist ja auch irgendwie peinlich, unangenehm….und alles andere als lustig. Das ist kein Ding für die Öffentlichkeit, da gucken wir freiwillig nicht hin.

Lieber nicht dran rühren… wie kann man nur….sowas macht man doch nicht…

Doch, ich mache das mal jetzt.
Ich möchte dich dazu einladen, alle deine Gedanken (s. o.) und (Alt-?)Lasten zum Thema Sterben und Tod für einen Moment beiseite zu legen.
Komm, wir blenden das ganze Angstauslösende, Traurige, Mühselige, Beschwerliche, das Eklige und das Schmerzhafte mal aus. Ist ja nur für ein paar Minuten.
Ab an die Seite damit, dorthin, wo du alles gleich wiederfindest. Auf die Fensterbank zum Beispiel oder den Küchenstuhl.

Erzählen möchte ich dir nämlich von einem Beispiel aus meiner Familie, welches mich damals sehr beeindruckt hat, und zwar geht es um Oppa Stracke (ja, Oppa hier bei uns im Ruhrpott mit mindestens(!) zwei p).

Oppa Stracke war ein kerniger Typ. Unangefochtenes Oberhaupt der Familie. Er strahlte eine gelassene Autorität aus, die bei allen anderen Familienmitgliedern einen natürlichen Respekt zur Folge hatte.

Nein, besonders herzlich und liebevoll habe ich ihn nicht in Erinnerung, feindselig aber auch nicht. Er ruhte in sich und blieb gerne bei seiner Meinung – ausser es konnten ihn ein paar verdammt gute Argumente doch noch umstimmen.

Oppa war nicht besonders gebildet, schon gar nicht kulturell interessiert, aber Oppa war ein Mann der Tat.

Familie gründen, Job durchziehen, Haus bauen. Selber bauen. Und genau dorthin bauen, wo er es haben wollte. Oppa wusste, wie man sich durchsetzt, ohne sich Feinde zu machen.

Oppa wusste genau, was er nicht wollte und – selten heutzutage – Oppa wusste, was er wollte. Noch seltener heutzutage: Oppa wusste haargenau, wann es für ihn genug war.

Schneller, höher, weiter? Nicht mit ihm.

Bei allem Fleiss war er nämlich auch ein Geniesser: die Arbeit im Gemüsegarten >> Hobby! Obwohl die Erträge zeitweise ca. 10-15 Strackes über die Runden retten konnten.

Seine Werkstatt >> Hobby! Gemütlich Haushaltsgegenstände reparieren, Standuhren und kleinere Möbelstücke basteln.

Sein Taubenschlag >> Hobby! Der kleine private Nervenkitzel, das Rennen gegen die Uhr, das bange Warten auf die Rückkehrer, die Sorge um die Vermissten.

Seine Tiere >> Hobby! Aber nicht so wie bei mir heute. Für Oppa musste alles Sinn und Zweck haben, so erwartete sämtliche Kaninchen, Enten, Gänse, Hühner am Ende der Kochtopf….pffhhh, gar nicht mein Ding….

Aber bis es soweit war, hatte das liebe Vieh das Paradies auf Erden: Oppa tüftelte an Hühner- und Kaninchenklappen, die jederzeit vom Stall Auslauf ins fuchssichere Freilaufgehege ermöglichten, kunstvoll angelegte kleine Wasserstrassen und Teiche sorgten für kühle Abwechslung und heimische Gehölze für Schatten und Unterschlupf.

Die Gartenbereiche mit dem „Blumengedöns“ waren Frauensache, da hielt Oppa sich raus. Es sei denn, es ging darum, Gartenwege und lauschige Sitzecken zu mauern, zimmern oder zu giessen, je nachdem. Da war Oppa wieder zur Stelle.

Am liebsten knösterte und werkelte er alleine vor sich hin. Jedoch nicht immer musste er aktiv sein: stundenlang konnte er auf einer seiner Gartenbänke sitzen und schauen. Einfach nur schauen. (Wo ich das hier so schreibe fällt mir auf: ich komm wohl ganz nach Oppa, wa ey?)

Haus, Garten, Familie – alles war genauso gross und genauso viel, wie Oppa wollte. Damit war er zufrieden, ja, ich würde sogar sagen: glücklich.

Denn Oppa Stracke war sich nicht zu stolz, stolz zu sein auf das Erreichte. Er kehrte diesen Stolz nicht besonders hervor, er lebte ihn einfach. Selbstsicher, gelassen, unaufdringlich. (Okay, an dieser Stelle fehlt mir noch was.)

Wer so vor sich hin lebt, ist selten krank. Aber irgendwann – mit Anfang 70 oder so – erwischte es ihn dann doch: Lungenembolie, Krankenhaus. War echt kritisch zwischendurch, aber: alles gut gegangen.

Kaum wieder zu Hause, wurden Nägel mit Köppen gemacht: Familienrat einberufen….ääh, „Familienrat“ ist gut….war wohl eher eine Kundgebungs-Veranstaltung….also Oppa hat allen kundgetan, wie er sich das mit dem Vererben so vorstellt und die Papiere zur Unterschrift vorgelegt. Natürlich hat niemand widersprochen!

Und nun kommt´s: mit dem „normalen“ Kram waren ja alle einverstanden, aber Oppa war so dermassen beeindruckt von seinen Krankenhauserlebnissen (vielleicht auch dankbar ob seiner Rettung? Oppa hat seine Entscheidungen nie gross erklärt, gerechtfertigt. Er hat sie kundgetan, das musste reichen), dass er verfügte: „Mein Körper soll direkt nach meinem Tod dem Pathologischen Lehrinstitut der Uni xy zur Verfügung gestellt werden.“

Aaaah!! Hammer!!! Nix mit Aufbahrung, Abschiednehmen, Trauerzug zum Grab! Nix mit Kirche und Leichenschmaus!

Mich hat´s nicht sehr gewundert, da hatte Oppa schon zu Lebzeiten keinen Vertrag mit. Aber für viele andere aus der Familie war das schon ein Schock. Das hatten wir ja noch nie! Wer macht denn sowas? Wie unromantisch, wie pietätlos, wie gemein für die Hinterbliebenen!

Nun, das waren jetzt nicht die Argumente, die Oppa umstimmen konnten.

Mit dem Sterben hat er sich dann allerdings noch zwei Jahrzehnte Zeit gelassen und als es dann soweit war, wusste er es.

Mit Lungenentzündung wurde er ins Krankenhaus gebracht und sich dort behandeln lassen nach dem Motto: So viel wie nötig und so wenig wie möglich.

Kann sein, dass es damals noch nicht so in Mode war, das Leben auf Teufel komm raus intensivmedizinisch zu strecken und zu verlängern, auf dass ja noch ein Maschinchen ausgelastet werde, auf dass die nächste Fachabteilung auch noch was am Kranken verdiene, kann aber auch sein, dass das Krankenhaus mit der Uni zusammenarbeitete….oder beides….

Was ich eher für wahrscheinlich halte ist, dass Oppa Stracke (Zitat: „Der Schnaps schmeckt nicht mehr, et is soweit“) im Sterben innerlich genauso aufgestellt war wie im Leben:

Er wusste, was er wollte, was er nicht wollte und auch, wann es genug ist.

Zumindest uns als Besucher, die vorsichtig auf leisen Sohlen, mit bedrückten Mienen und mitleidiger Sorge ins Krankenzimmer schlichen, hat er barsch und unmissverständlich angewiesen, „mit dem albernen Gedöns“ aufzuhören. Lieber mal was Lustiges.

Es sei doch schliesslich alles geregelt und nun könnten die Dinge doch gefälligst ihren Gang gehen.

Klare Ansage.

Und die Dinge gingen – so, wie es in der Ordnung ist. Oppa ist tatsächlich ohne viel Gedöns einfach irgendwann eingeschlafen. Liegend, aber immer noch unverkennbar aufrecht.

Keine Spur von Angst, keine Spur von Gegenwehr, kein „warum-gerade-ich“, kein „ich-muss-aber-noch“. Oppa hatte alles erledigt, was es für ihn hier zu erledigen gab. Für Oppa war jetzt „genug“.

Zwei Mitarbeiter der Uni holten ihn ab, und das war´s dann für uns. Lange Monate später (waren es sechs? Oder acht? – egal) traf ein Dankesbrief der Uni ein, beigefügt eine Einladung zur Gedenkfeier für alle Körperspender.

Kein Beerdigungsgottesdienst, kein Trauerzug, keine Grabrede, kein Leichenschmaus.

Ich stelle mir bis heute vor, dass Oppa Stracke an dieser Stelle hochzufrieden genickt hat, die Hände vor dem Bauch gefaltet, die Daumen umeinander drehend.

Mir hat das Ganze sehr imponiert, es imponiert mir bis heute. Oppa hat sein Ding gemacht, egal, was in unserer Familie Brauch war, egal, was alle jetzt über ihn denken und reden. Es war ihm egal in dem Sinne, dass er darüber stand. Es hat ihn schlichtweg nicht interessiert und da hat er kein Wort verschwendet.

Oppa hat stets von rückwärts gedacht und nach vorne gelebt. Sei es, um irdische Ziele zu erreichen, sei es, um sein eigenes Ende selbstbestimmt vorzubereiten. Er hat bewusst hingeguckt, hat an sich geglaubt und sich vertraut.

Selbstbestimmt und eigenverantwortlich bis zum Schluss.

Nö, Oppa Stracke´s Sterben war nicht schlimm.

Alles gut, Ende gut!

(P.S:
Wer mag, hole sich nun seine alten Gedanken und Gefühle wieder – war es die Fensterbank? der Küchenstuhl?)

Und hier „für zum Hören“: